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Älpler für einen Sommer

veröffentlicht in DB Mobil 

Die Schweizer Berge: ein Idyll, aber auch ein anstrengender Arbeitsplatz für die Sennen. Zum Glück gibt es Helfer, die in den Mühen des Älplerlebens eine Herausforderung sehen. 

„Bernadette!“ ... „Bernadeeette!“ Andreas Braune seufzt. Jetzt muss er die störrische Kuh wieder einfangen. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Es ist fünf Uhr, Nebel hängt in den Bergen über der 1.800 Meter hoch gelegenen Alp Ramin. Suchend stapft der junge Deutsche durch das Dämmerlicht. Die Erde schmatzt unter seinen dicken Stiefeln. Endlich vernimmt er in der Ferne eine Glocke. Bernadette versteckt sich im letzten Winkel der Weide.

Nach einer halben Stunde hat Andreas alle Kühe zusammengetrieben. Unter lautem Gebimmel verschwinden sie im Stall. Natürlich marschiert die Hälfte in die falsche Box, noch so eine lästige Angewohnheit. Mit kräftigen Klapsen dirigiert der 36-Jährige die Tiere um. Dann schnallt er sich den Melkschemel unter und legt los: „Komm her, Susi, du bist die erste heute.“ 

Nebenan drängelt die dicke Paula schon ungeduldig. „Ja, meine Schöne, du kommst auch gleich dran.“ Während die Melkmaschine rhythmisch die Milch absaugt, reinigt Andreas schon das nächste Euter. Nach drei Monaten als Hilfskraft geht ihm die Arbeit leicht von der Hand. Muss sie auch, denn gemeinsam mit seiner Kollegin Mirjam hat er vor dem Frühstück noch 60 Kühe zu melken.

Vor fünf Monaten betreute der Ergotherapeut in Essen noch Alkoholkranke. Großstadt, Lärm, Berufstrott. Doch da wusste er schon, dass er bald in seinen geliebten Bergen leben würde. Der Entschluss, einmal für eine ganze Saison „z’Alp“ zu gehen, war während eines Praktikums im Tessin gereift. Den letzten Ausschlag gab ein passendes Stellenangebot des Älplers Ruedi Marti aus dem Schweizer Kanton Glarnerland. Der blickte ihm beim Bewerbungsgespräch tief in die Augen: „Ist das einer, der durchhält?“

Die Arbeit als Senn-Azubi erfordert Ausdauer: Kühe treiben, melken, Maschinen reinigen, Käse herstellen, Stall ausmisten, Zäune flicken, Käselaibe pflegen, Tiere verarzten. Fünfzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Ich mag diese körperliche Herausforderung,“ sagt Andreas. „Bestimmt werde ich mich wie ein Held fühlen, wenn ich es geschafft habe.“ Rund 100 Tage - von Mitte Juni bis Ende September - dauert die Saison.

Mit Ramin hat er es gut getroffen: Die Alp ist mit dem Geländewagen erreichbar, verfügt über Stromversorgung und hat sogar ein Bad mit Warmwasser. Es geht auch spartanischer: Auf manchen Hütten gibt es nur einen Donnerbalken und kaltes Brunnenwasser. Im Laufe der vergangenen Wochen hat sich der Städter in einen echten Senn verwandelt, sogar ein dunkler Vollbart schmückt sein Kinn. Nur mit dem Schwyzerdütsch klappt es noch nicht perfekt. 

Der Nebel hat sich inzwischen verzogen und die Alp zeigt sich von ihrer schönsten Seite: Direkt neben der Hütte ragt die steile Felswand des 3000 Meter hohen Piz Sardona in den wolkenlosen Himmel. Der Blick reicht über saftig grüne Almen, hinab ins Tal von Elm und hinauf zu Schnee bedeckten Gipfeln. Einen Moment lang genießt Andreas die würzige Luft, dann ruft das Frühstück in der kahlen Stube, die als Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Käsefabrik dient. Es gibt Brot, frisch „gezapfte“ Milch, Butter und Yoghurt aus eigener Herstellung, und natürlich ein großes Stück Alpkäse. 

Das Käsen ist die Aufgabe des Senn. Schon als Vierjähriger hat Ruedi seinem Vater dabei zugesehen. Die Milch wird in einem großen Kupferkessel erhitzt und mit Lab vermengt. Sobald die Masse fest geworden ist, zerschneidet Ruedi sie mit der sogenannten Harfe. Danach wird maschinell mehrere Stunden gerührt, bis der Älpler Käse und Molke voneinander trennen kann. Mit einem Flaschenzug hebt er die körnige Masse in einem großen Tuch aus der Flüssigkeit und presst sie in runde Formen. Sechs Laibe wandern heute in den Käsekeller. 

Reich werden kann Ruedi als Senn nicht. Aber deswegen zieht es den 60-Jährigen auch nicht jeden Sommer hierher - seine Begeisterung für die Berge lässt ihn weitermachen. Und die Tradition: seine Familie bewirtschaftet Ramin schon seit 1869. Früher fand sich immer jemand, der mit anpackte. Doch heute akzeptieren nur noch wenige einen bescheidenen Lohn für harte Arbeit. 

Für die Menschen ist es Plackerei, für die Kühe Wellnessurlaub - die Bauern im Tal schicken ihre Tiere zur Steigerung der Abwehrkräfte in die Höhenluft. Dafür wird keine Kurtaxe, aber eine Art Milchsteuer fällig: Ruedi darf am Tag acht Liter Milch pro Kuh für Kost und Logis behalten. Jeden zusätzlichen Liter muss er dem Bauern vergüten. Der Käse ist sein Eigentum. Weil sich das trotzdem nicht rechnet, unterstützt die Regierung den Senn mit einer Prämie für jedes Tier.

Während Rudi und Mirjam den großen Kessel schrubben, widmet sich Andreas der Käsepflege. 400 goldgelbe Laibe lagern im Keller einer kleinen Holzhütte - ein Schlaraffenland für Käseräuber. „Neulich hatten wir Mäusealarm,“ erzählt der Aussteiger auf Zeit. Die kostbare Ausbeute mehrerer Monate war in Gefahr. „Wir mussten den ganzen Raum mit Fallen verminen, bis wir die Lage wieder unter Kontrolle hatten.“

Schon beim Öffnen der Tür steigt der säuerliche Käseduft in die Nase. In Reih und Glied sind die Laibe nach ihrem Herstellungsdatum in Regalen geordnet. Jeden einzelnen muss Andreas täglich herausnehmen und mit einer Salzlauge abbürsten, um Schimmel und Schädlinge abzuhalten. „Am Anfang habe ich dabei viel nachgedacht. Unaufhörlich ratterte der Verstand.“ Irgendwann stellte sich plötzlich innere Ruhe ein - er war angekommen.

Aus der Küche dringt das Klappern von Töpfen, Mirjam macht Mittagessen. Die junge Schweizerin ist mit Leib und Seele bei der Arbeit - der Traum eines jeden Chefs. Während der Schulzeit erntete sie ungläubige Blicke, wenn sie von ihrem Traumberuf sprach: Bäuerin. Städte sind für sie ein Horror: „Zu viele Menschen.“

Nachmittags wandern alle zum zweiten Melken auf eine tiefer gelegene Alm. Hier fließt die Milch nicht automatisch in einen Tank, sondern muss in schweren Kannen geschleppt werden. Andreas und Mirjam melken im Akkord. Sie haben keine Zeit, das Atem beraubende Bergpanorama in ihrem Rücken zu bewundern. Die Kühe sind widerspenstig, und dann zieht auch noch ein Sommergewitter auf. Doch keiner lässt sich die Laune verderben.

Es war ein guter Tag: Um Acht ist alles erledigt, das Abendessen steht auf dem Tisch. „Im Frühjahr ist das anders,“ erzählt Ruedi, „die Hilfskräfte sind dann noch blutige Anfänger und die Kühe ganz wild.“ Alle drei Kollegen sind froh, dass die Chemie untereinander stimmt. Sie verbringen schließlich nicht nur den Tag zusammen, sondern teilen sich auch eine kleine Stube für die Nacht. 

Nach dem Essen bleibt gerade noch Zeit für die Nachrichten im Radio, dann fallen Ruedi, Mirjam und Andreas langsam die Augen zu. Andreas erzählt von Zuhause: „Ein warmes Zimmer vermisse ich manchmal schon, und natürlich meine Freundin.“ Trotzdem wird er etwas wehmütig bei dem Gedanken, dass er die Berge bald verlassen muss. Wenn möglich, will er nächstes Jahr wiederkommen. Zurück zu Paula, Susi und Bernadette. Zurück „z’Alp“.  

© Oliver Gerhard