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Havanna, Kubas bestes Stück  

veröffentlicht im Magazin Lenz

Eine gute Zigarre ist auf der größten Insel der Karibik ein Stück Lebensart. Wer an einer edlen Cohiba zieht, genießt den Augenblick und schwelgt für ein paar Momente in Gedanken an bessere Zeiten. Und daran ändert auch nichts, dass Fidel Castro das Rauchen aufgegeben hat.

José de Armas ist ein Überlebenskünstler. Im Hauptberuf Arzt. Aber weil auch Mediziner auf Kuba kaum ihr Auskommen finden, führt er nebenbei ausländische Besucher durch Havanna, um sich Devisen zu verdienen. Und er rühmt sich, ein echter Zigarrenexperte zu sein. Kritisch prüft er eine Auswahl bei einem Straßenhändler, der „original kubanische Cohibas" zu Schnäppchenpreisen anbietet. Gekonnt rollt er eine dicke Havanna zwischen den Fingern, hört auf das Rascheln, schnuppert das Aroma, untersucht die Bauchbinde. „Gefälscht", lautet sein verächtliches Urteil. Er weiß einfach zu genau, wie heimlich in Hinterzimmern gerollte Zigarren aussehen. „Ein Echtheitszertifikat für das beliebteste Kubasouvenir gibt's nur von staatlichen Läden." 

Der Händler zuckt die Schultern und hat schnell ein neues Opfer auf der Uferpromenade des Malecón gefunden. Der Malecón - das ist das Wohnzimmer Havannas. Am Feierabend flanieren die Habaneros auf der Mole und lassen sich die feuchte Meeresluft um die Nase wehen. Jugendliche machen Musik, Verliebte beobachten den Sonnenuntergang, Jungs baden in der Brandung. Unterhalb der Festung „El Morro" versuchen die Angler ihr Glück.

Und überall auf dieser lebensfrohen Flaniermeile qualmt es. Natürlich die allgegenwärtigen Zigarren. Aber auch aus den Auspuffen amerikanischer Limousinen aus der Zeit vor Fidel Castros kubanischer Revolution 1959. Alte Chevys, Plymouths, Lincolns und Buicks gleiten hier vorbei. Liebevoll restauriert oder notdürftig zusammengehalten knattern und röhren die einstigen Luxuskarossen durch Havanna - nicht aus Liebhaberei, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Jose de Armas ist stolz auf sein rotes Chevrolet. „Es ist verrostet, hat zerschlissene Polster - aber es fährt."

15 US-Dollar verdient er als Touristenführer am Tag - das ist mehr, als er in einem ganzen Monat für seine Arbeit als Arzt bekommt. Gemütlich steuert er sein altes Schlachtschiff in das Villenviertel Vedado. Vor der Revolution das Refugium der Reichen und Mächtigen. Heute sind die einst prächtigen Paläste von morbidem Charme, die Gärten schlummern im Dornröschenschlaf, Wurzeln exotischer Bäume haben das Wegpflaster aufgebrochen.

In der Altstadt rückt man dem Verfall energischer zu Leibe. Seit die UNESCO den Bereich 1982 zum Weltkulturerbe erklärte, wird überall gehämmert und gesägt, geschweißt und gepinselt. Viele Juwelen der kubanischen Architektur zeigen heute neuen Glanz: Wohnhäuser im Kolonialstil, Kirchen im kubanischen Barock, neoklassizistische Geschäftshäuser, Paläste des Art deco. Dazwischen aber warten noch immer marode Fassaden mit abbröckelndem Putz auf ihren Restaurator.

In winzigen Innenhöfen spielen Musiker die Klassiker der kubanischen Sonmusik. Auf der Plaza de Armas, dem ältesten und prächtigsten Platz der Stadt, steigen im Schatten der Bäume kleine Wölkchen auf. Eine Gruppe betagter Herren pafft genüsslich ein paar einfache „Volkszigarren" für einen Peso. Die kann sich jeder Kubaner leisten. Der 83-jährige Juan Gonzales gibt Anekdoten über berühmte Zigarrenraucher zum Besten, wie den einstigen Erzfeind John F. Kennedy, der kurz vor Verhängung des Embargos gegen Kuba noch schnell seinen Vorrat an „kubanischem Gold" aufstockte. Der charismatische Revolutionsheld Che Guevara ließ sich trotz seines schweren Asthmas das Zigarrenrauchen nicht nehmen. Nur Fidel Castro hat es sich abgewöhnt. Dabei verdankt er der Zigarre viel: Während der Revolution erhielt er in daumendicken Glimmstengeln versteckte Geheimbotschaften.

Auch Ernest Hemingway war einer guten Havanna nicht abgeneigt, obwohl er mehr dem Alkohol zusprach. „Das war ein echter Mann", ist sich die Herrenrunde einig. Der Literatur-Nobelpreisträger verbrachte mehr als zwanzig Jahre seines Lebens auf der Karibikinsel. Im Museum seiner „Finca Vigía" am Stadtrand wurde alles so belassen, wie er es 1960 verließ. Ist da nicht das Stakkato seiner Finger auf der Schreibmaschine zu hören? Umgeben von seinen Hunden und mehreren Dutzend Katzen hielt „Papa Hemingway" hier in den 50er-Jahren Hof. Hollywoodstars wie Gary Cooper oder Ingrid Bergman gaben sich die Klinke in die Hand.

Am nächsten Morgen schnurrt José de Armas mit seinem Oldtimer gemächlich nach Pinar del Rio im Westen Havannas. Es geht hinaus zur eigentlichen Heimat der Zigarren:  ins Tal von Viñales. Hier gedeiht der beste Tabak der Welt. Dramatisch erstreckt sich die bizarre Landschaft der Mogotes, schroffer, zerklüfteter Kegelfelsen, dazwischen ein bunter Flickenteppich aus Tabakfeldern,  Palmenhainen  und Trockenschuppen für die Tabakblätter. Hier hegen und pflegen die Pflanzer liebevoll ihre Gewächse, kontrollieren täglich ihr Wachstum und schützen die Deckblätter vor zu viel Sonne.

Ein Teil ihrer Ernte wird in der Tabakfabrik Francisco Donatien" in Pinar del Rio verarbeitet. In einer großen Halle sind emsige Finger damit beschäftigt, in Windeseile zu rollen, zu schneiden und zu kleben. Ein bittersüßlicher Geruch hängt in der Luft. Die Zigarrenherstellung ist ein komplizierter Prozess: Fast hundert Arbeitsgänge liegen zwischen Aussaat und Auslieferung. Dazwischen werden die Tabakblätter mehrfach nach Größe, Struktur, Aroma und Brennverhalten sortiert. Zigarrenroller sind Facharbeiter und Künstler in einem - jede ihrer Zigarren muss vollkommen sein. „Dafür werden sie gleich mit zwei Genüssen belohnt", erzählt José de Armas mit etwas Neid in der Stimme: „Ein Vorleser trägt ihnen jeden Tag klassische Werke der Weltliteratur vor. Und sie dürfen von ihren Produkten kosten." Tatsächlich ist kaum ein Arbeiter ohne einen dicken Glimmstängel im Mund am Werk.

Im Laden der Fabrik sind die fertigen Produkte zu bewundern: „Totalmente a mano" - „reine Handarbeit" steht auf den kleinen Zedernholzkistchen mit dem kostbaren Inhalt und edlen Namen wie „Cohiba", „Montecristo" oder „Romeo y Julieta". Nur zum Scherz macht José augenzwinkernd wieder seinen Zigarrentest: „Die hier ist echt, keine Frage."

Links zu Kuba:

Havanna: Foto-Impressionen in schwarz-weiß
Foto-Highlights aus Kuba