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Buchbesprechung

"In Patagonien" - Bruce Chatwins Kultbuch über eine urwüchsige argentinische Landschaft

veröffentlicht beim Onlinedienst Planet Internet 

Bruce Chatwin (1940-1989) wurde schon zu Lebzeiten als Reiseautor zur Legende. Der „ewig Ruhelose" schuf sich mit seiner Literatur eine große Fangemeinde. In seinem ersten Buch „In Patagonien" legte Chatwin den Grundstein für seinen Ruhm und prägte ein neues Genre der Reiseerzählung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen, die in der rauen Landschaft Patagoniens eine Heimat gefunden haben. 

„Diese Erde ist eine unbarmherzige Liebhaberin. Sie verhext. Sie ist eine Zauberin! Sie nimmt Sie in ihre Arme und lässt Sie nie wieder gehen." (Patagonischer Dichter)

„Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut". So beginnt Bruce Chatwins Reiseerzählung über Patagonien. Das Stück Haut aus Argentinien, angeblich von einem Brontosaurus, beschäftigt Chatwin seit seiner Kindheit. „Nie in meinem Leben habe ich mir etwas so sehr gewünscht wie dieses Stück Haut."

Charismatischer Forscher

Mit Mitte dreißig verwirklicht er seinen Traum von einer Reise nach Patagonien, einem Land, in dem Männer "über Mate-Tee wie andere Männer über Frauen reden". Sein Buch „In Patagonien" ist kein Reiseführer und kein konventioneller Reisebericht. Es ist das Tagebuch eines unermüdlichen Wanderers und Forschers, eines Neugierigen, der mit seinem Charisma die Herzen der Menschen gewinnt und ihnen Anekdoten und Erfahrungen entlockt. 

Russen, Perser, Schotten

Zu Fuß und per Anhalter durchquert der Engländer das Land: „Mein Gott ist der Gott der Wanderer". Er stößt dabei auf skurrile Charaktere und abenteuerliche Geschichten. Die meisten Menschen, denen er begegnet, kamen als Einwanderer nach Patagonien: Russische Emigranten, persische Missionare, Dudelsack spielende Schotten, mürrische Buren, Abenteurer auf der Suche nach Seeungeheuern, Goldsucher und wilde Trinker. Akribisch verfolgt Chatwin jeden Hinweis auf eine spannende Geschichte. Und er legt den Finger in offene Wunden wie den Umgang mit den Ureinwohnern. 

Darwin und die Ausrottung der Indianer

Verteufelt wurde Feuerland schon, bevor die ersten Entdecker einen Fuß auf seinen Boden gesetzt hatten - die frühen Kartographen versahen es mit wilden Ungeheuern. Charles Darwin sah 1832 in den Feuerländern die „gemeinsten und elendsten Kreaturen", die ihm je zu Gesicht gekommen waren. Er machte sich lustig über ihre „unverständliche" Sprache. Viele einheimische Stämme wurden später ausgerottet. Chatwin beschreibt den Reichtum der Sprache, über die Darwin sich mokiert hatte: Sie umfasste einen Wortschatz von mehr als 30.000 Begriffen. 

Der König von Patagonien

Selbst der mutigste spanische Soldat verkroch sich bei Begegnungen mit den wilden Araukanern hinter den nächsten Busch. Die Indianer dieses Stammes zogen ihren Feinden bei lebendigem Leibe die Haut ab und tranken ihr Blut. Dann kam der französische Anwalt Orelie-Antoine de Tounens. Er erklärte sich kurzer Hand zu ihrem König. 1859 reiste er mit seinem Außen- und Justizminister nach Patagonien - alles in Personalunion, wie sich später herausstellte. Die Auraukaner begrüßten ihn als Befreier. Er entwarf eine Verfassung und eine Nationalhymne und plante eine Schifffahrtslinie nach Frankreich. Als er ganz Lateinamerika formell annektierte, warf Argentinien ihn aus dem Land. Dreimal musste man ihn noch von seinen „Untertanen" trennen, bis er es aufgab. 

Butch Cassidy und Sundance Kid

Hollywood hat gelogen: Butch Cassidy und Sundance Kid sind gar nicht in Bolivien erschossen worden. Chatwin stand in dem Haus, das den beiden in Argentinien als Unterschlupf diente. Akribisch verfolgte er ihre Spuren durch das Land. Ein paar Greise erinnerten sich noch an die „netten Gringos" von nebenan. Solange nett, bis ihnen das Geld ausging und sie einen Coup in der Argentinischen Nationalbank landeten. Danach wurde es ihnen auch im kalten Patagonien zu heiß. 

Chatwin besuchte natürlich auch die Höhle, in der sein Vorfahre das heiß ersehnte Stück Haut gefunden hatte. Erst spät erfuhr er, dass das Fell nicht von einem Brontoaurus stammte, sondern von einem Riesenfaultier. Bekommen hat er das Stück aus Omas Glasschrank nie - es wurde beim Saubermachen entsorgt.

© Oliver Gerhard

Bruce Chatwin: In Patagonien
Rowohlt Taschenbuch