Home Foto Sitemap

 

An die Tomaten, Genossen

Der Sozialismus lebt: Im spanischen Dorf Buñol bekommen die Bürger im August heiße rote Ohren

veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung   

Der Knall des Böllers hallt Ohren betäubend durch die Straße. Das ist das Zeichen. Der Mann holt weit aus. Mit Wucht schleudert er eine saftige rote Tomate aus dem vierten Stock. Die überreife Frucht prallt gegen das Rathaus und trudelt dann in die johlende Menge. An Deckung ist nicht zu denken, die Menschen stehen wehrlos Körper an Körper.

Das reine Chaos: halb nackte Männer, Frauen und Kinder tanzen in den Straßen und Gassen von Buñol. Aus ihren Kehlen kommt der Ruf: „Agua, agua! - Gebt uns Wasser!“ Darauf haben die Mitarbeiter der Stadtverwaltung nur gewartet. In einem großen Stahlkäfig vor der Dorfkirche halten sie ihre Feuerwehrschläuche schon im Anschlag.

Keiner wird geschont - auch die älteren Damen nicht, die dem Spektakel aus vermeintlich sicherer Entfernung vom Balkon aus folgen. Stünden die Leute nicht so eng, würde sie die Wucht des Wassers aus den Schuhen hauen. Innerhalb weniger Sekunden sind alle klatschnass. Wasser triefende T-Shirts fliegen durch die Luft.

Einige Anwohner der Hauptstraße feuern zurück: aus Putzeimern, Gießkannen und Gartenschläuchen schütten sie Wasser nach unten. Aber das Volk will mehr: „Tomaaate, Tomaate!“ fordert es jetzt lautstark. Und dann kommen sie endlich: riesige Lastwagen, bis zum Rand beladen mit überreifen, matschigen Tomaten. Die Schlacht kann beginnen.

Dabei sind die Bewohner des kleinen Dorfes bei Valencia sonst ganz friedlich. Nur einmal im Jahr, am letzten Mittwoch im August, feiern sie nach alter Tradition die orgiastische „Tomatina“. Der Legende nach geht das Fest auf die Zeit General Francos zurück: ein politischer Streit unter Nachbarn endete in einem Kampf mit den in sozialistischem Rot gefärbten Früchten - und das ausgerechnet im Hungerjahr 1944.

In manchen Jahren verbot die Gemeinde das ausschweifende Fest sogar, bis es sich auf Druck der Bevölkerung endgültig durchsetzte. Inzwischen strömen zu dem Event regelmäßig Tausende von Touristen und Fernsehteams aus aller Welt. Die Tomaten kauft das Dorf in der entfernten Extremadura - da sind sie am billigsten.

Am Vorabend des Gefechts erwacht Buñol aus dem Dornröschenschlaf. Die Häuser an der Hauptstraße werden kriegsfest gemacht, neugierig beobachtet von den alten Herren, die wie jeden Abend vor dem Rathaus sitzen und genüsslich ihre Zigarren paffen. Fachmännisch diskutieren sie darüber, wie viele Besucher diesmal kommen werden.

Die Hektik nehmen sie gelassen: „Noch ein Fest mehr - das ist alles.“ Die meisten von ihnen werden sich das Spektakel nur vor dem Fernseher ansehen - und dabei an die Zeiten zurückdenken, als sie sich selbst ins Getümmel geworfen haben.

Die Gemüsehändler machen heute das Geschäft ihres Lebens: Tomaten sind ausverkauft. Hausbesitzer diskutieren über den besten Schutz für ihre weißen Fassaden. Die einen schwören auf dünne Netze, andere auf Stoffbahnen bis zum ersten Stock. Die ganz Vorsichtigen greifen zu drastischeren Mitteln - ihr Haus wird komplett verpackt. Klimaanlagen werden in Plastik gehüllt, Briefkästen mit Klebeband verschlossen, Blumenkästen hereingeholt.

Der Apotheker nagelt seine Schaufenster zu. Der Zeitungshändler verschraubt die Halterungen seiner Schutzplane im Gehweg. Nur die altmodische Festbeleuchtung über der Straße bleibt hängen, wie das Relikt eines Weihnachtsfestes der 70er Jahre.

Am Mittwoch Morgen ist Buñol komplett eingetütet und verpackt. Ein echtes Kunstwerk - Christo und Jean Claude könnte Pate gestanden haben. Langsam füllen sich die Straßen mit Menschen - in Shorts und Badeschuhen oder in futuristischen Ganzkörper-Schutzanzügen aus wasserfestem Papier. Die Profis tragen Taucherbrillen zum Schutz vor der Fruchtsäure.

Und dann rollen endlich die Lkws mit ihrer saftigen Fracht: über 140 Tonnen Tomaten. Sie zermatschen, zerklatschen, zerplatzen an den Menschen. Sie sirren durch die Luft, von rechts, von links, von vorne, von hinten. Ducken ist zwecklos. Fotografen sind die Lieblingsziele der Schützen - wer erwischt die Kamera als Erster?  Ein kollektives Massenbad: sich beschmieren, beschmeißen, wälzen in Tomaten. Rot, rot, rot überall: die Kleider eingefärbt, die Haare von Fluchtfleisch bedeckt, die Augen vom brennenden Tomatensaft gerötet. 

Punkt ein Uhr setzt ein zweiter Feuerwerkskörper allem ein Ende. Manche Gassen haben sich inzwischen in gefährliche rote Rutschbahnen verwandelt. Die ungeschützten öffentlichen Gebäude gleichen pointilistischen Kunstwerken. Wie Kämpfer aus dem Krieg waten die Menschen durch dicke Tomatensauce aus dem Ort.

In der Hauptraße fallen sofort die Hüllen - Fassaden werden von ihrem Korsett befreit und abgespritzt. Müllmänner sammeln die Kleiderberge ein. Dorfbewohner und Besucher räumen gemeinsam auf, fegen die Tomatensauce mit riesigen Holzschiebern von der Straße in die Kanalisation. Wer am späten Nachmittag nach Buñol kommt, findet nur ein verschlafenes kleines Nest im spanischen Hinterland. Absolut nichts los hier.

© Oliver Gerhard

Fotos von der Tomatina