Home Foto Sitemap

 

Lesotho: Königreich im Himmel über Afrika

Der junge Zöllner an der Grenze zu Lesotho wirkt zuerst etwas gelangweilt. Hundertmal hat er heute schon gefragt: "Haben Sie etwas zu verzollen?", "Wohin fahren Sie?" Auf die Nennung unseres Ziels Malealea überzieht sich sein Gesicht jedoch mit einem strahlenden Lächeln. "Ein wirklich traumhafter Ort", versichert er uns und schwärmt begeistert von der Zeit, die er dort verbracht hat. Malealea ist ein Zauberwort in Lesotho, das häufig den Weg zu den Herzen der Menschen öffnet.

Unser erstes Ziel ist jedoch Maseru, die Hauptstadt des kleinen Königreichs von der Größe Belgiens, das als Enklave mitten in Südafrika liegt. Lesotho ist das einzige Land der Erde, dessen gesamte Fläche oberhalb einer Höhe von 1.000 Metern liegt; "Königreich im Himmel" wird es deshalb genannt. Die Vegetation des Landes ist karg, das Klima rau - nur weniger als zehn Prozent des Bodens sind landwirtschaftlich nutzbar, und jährlich geht durch Erosion und Überweidung ein weiterer Teil davon verloren.

Kurz vor Maseru wird das Gras- und Ackerland entlang der Straße nach und nach abgelöst von wild wuchernden Siedlungen aus Lehmrundhäusern, Wellblechhütten und Holzverschlägen. Am Rande der Hauptstraße strömen Hunderte von Menschen von ihren Arbeitsplätzen zurück nach Hause. Scharen von Kindern in Schuluniformen sind auf dem Heimweg und toben dabei in gefährlicher Nähe zu den Fahrzeugen. Lkws donnern ohne Rücksicht auf die Passanten vorbei. Ein- und ausscherende Sammeltaxis bringen den Verkehr immer wieder ins Stocken; ihre Fahrer versuchen, durch die permanente Betätigung der Hupe potentielle Fahrgäste auf sich aufmerksam zu machen.

Der Übergang ins Zentrum Maserus verläuft unmerklich. Uniforme, hässliche Gebäude, alles Kopien der architektonischen Sünden in den reichen Industrienationen, prägen die Stadtmitte. Die zentralen Verwaltungsgebäude des Landes, die wichtigsten Hotels und Dienstleistungszentren konzentrieren sich auf wenigen hundert Metern entlang des "Kingsway", auf dem alle Straßen in die Hauptstadt unweigerlich enden. Zwischen den modernen Gebäuden stehen etwas verloren die flachen, trutzigen Steinhäuser, die die britischen Kolonialherren hier 1869 nach der Gründung Maserus errichtet haben. Ein Jahr zuvor war Moshoeshoe, der Gründer und erste König Lesothos, durch die permanenten Angriffe der Buren aus dem benachbarten Orange Free State in Bedrängnis geraten, und Großbritannien hatte das kleine Königreich kurzerhand zum Protektorat erklärt.

Am frühen Morgen verlassen wir Maseru in Richtung Thaba Bosiu, die bedeutendste historische Stätte des Landes. Wir sind froh, als wir endlich von der Hauptstraße abbiegen können, auf der jede Fahrt einem Russischen Roulette gleicht, denn überholt wird hier völlig unabhängig vom Gegenverkehr. Vor allem Sammeltaxis scheren immer wieder willkürlich aus und zwingen entgegenkommende Fahrzeuge auf den Seitenstreifen. Bisher prominentestes Verkehrsopfer Lesothos war König Moshoeshoe II., der 1996 bei einem Autounfall ums Leben kam. Begraben ist er in Thaba Bosiu, der Stadt der Könige.

Auf der schmalen Schotterpiste dorthin sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Die wichtigste Pflicht neben dem Steuern ist: Winken, winken, winken. Die Menschen auf den Feldern, die Wanderer am Straßenrand und die Kinder auf dem Schulweg winken unermüdlich jedem vorbeifahrenden Auto zu und reagieren mit Begeisterung auf die Erwiderung ihres Grußes. In den Dörfern rufen uns die Kinder ihre ersten Brocken Englisch entgegen. "What’s your name" und "give me money" sind die Sätze, die sie schon sicher beherrschen.

Bald taucht vor uns die Bergfestung von Moshoeshoe I. auf, in der dieser sich 1824 verschanzt hatte und von dort aus jahrzehntelang erfolgreich den Angriffen befeindeter Stämme, der Buren und der Engländer widerstand. Durch geschickte Diplomatie und Machtpolitik verstand es der damals noch unbedeutende Häuptling, seinen kleinen Stamm zum mächtigsten Clan der Region aufzubauen. Er schuf eine durch seine Familie beherrschte Aristokratie, die bis heute das Machtgefüge in Lesotho bestimmt. Moshoeshoe machte sich damit zum Begründer der heutigen Basotho-Nation, die in ihrer sprachlichen und ethnischen Homogenität für Afrika eine Seltenheit darstellt.

Um Thaba Bosiu befinden sich zahlreiche Relikte aus lange vergangenen Zeiten, als die San, vom Jagen und Sammeln lebende Buschmänner, das Land noch beherrschten. Ihre Malereien findet man überall an Felsen und in Höhlen im Hochland. Eine ihrer Nachfahren lebt heute in einem kleinen, halb in den Berg gebauten Haus. Die kleine alte Frau versteht sich noch auf die Heilkunde ihrer Vorfahren, und selbst der König holte sich angeblich Rat und Heilung bei ihr. Patienten empfängt sie in einer kleinen Behandlungshöhle mit einem Altar in der Mitte.

Unsere Weiterfahrt nach Malealea wird kurz durch eine Polizeikontrolle unterbrochen. Nach einem flüchtigen Blick auf unsere Papiere erteilt uns der Polizist noch eine kostenlose Lektion in den Klicklauten der Buschmänner, die in der Landessprache Sesotho immer noch präsent sind. Er kann nicht verstehen, dass wir nur Zischlaute und Schnalzen produzieren, aber kein Klicken hervorbringen. Enttäuscht entlässt er uns zurück auf die Piste.

Nach langer Fahrt durch ausgedörrte baumlose Landschaften öffnet sich auf einer Passhöhe "Heavens Gate", das Tor zum Himmel. Vor unseren Augen erstreckt sich das weitläufige Tal von Malealea vor der Kulisse der zerklüfteten Maluti-Berge. "Wayfarer, pause and look upon a gateway of paradise" steht auf einer Tafel an dem Eingang in dieses Naturparadies. Liegt es nur am Wetter oder ist es die Ausstrahlung dieses Tals - das Licht wirkt hier wärmer, die Farben kräftiger; das Getreide sieht voller aus, die Wiesen saftiger, die Berge mächtiger als anderswo im Land.

Bei der Ankunft in Malealea sind wir umzingelt von Horden schreiender und jubelnder Kinder, die aus dem ganzen Tal zu "Mick’s Videostunde" zusammengelaufen sind. Wenig später sitzen sie eng nebeneinander mit gebannten Blicken vor dem kleinen Bildschirm und saugen "Jesus von Nazareth" in sich auf. Unterdessen werden wir von Mick, dem Besitzer der Malealea-Lodge, durch die ranchähnliche Anlage mit ihren bunt zusammengewürfelten Bungalows geführt, von denen aus man die ganze Bergkette überblicken kann. Mick Jones aus Missouri führt die Lodge und die angeschlossene Handelsstation gemeinsam mit seiner Frau Di, die in Lesotho geboren ist. Sie arbeiten eng mit dem Tourismusministerium zusammen und suchen nach Wegen, die Bevölkerung am Einkommen aus dem Tourismus zu beteiligen. Von der Lodge profitieren daher auch viele Menschen aus Malealea und den umliegenden Dörfern, die Pferde und Unterkunft für die Touristen bereitstellen.

Der Tourismus stellt eine wichtige Hoffnung für das Königreich dar, das bis heute vor allem vom Einkommen seiner Wanderarbeiter lebt, die in den Minen Südafrikas arbeiten und mit ihren Löhnen rund die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaften. Die Abhängigkeit von Südafrika erstreckt sich auf die gesamte Wirtschaft, den Handel und die Energieversorgung. Der Druck auf das Land ist groß, neue Geldquellen zu erschließen, ohne diese Abhängigkeit zu verstärken. Ehrgeizigstes Vorhaben ist ein riesiges Wasserprojekt, mit dessen endgültiger Fertigstellung man für das Jahr 2020 rechnet. Durch den Bau von mehreren gewaltigen Dämmen sollen weite Teile des südlichen Afrika mit Wasser und Energie versorgt werden.

In der Malealea Lodge sind wir heute die einzigen Gäste, und Mick hat beim gemeinsamen Abendessen Zeit, die Geschichte von Merwyn Bosworth Smith zu erzählen. Der war ein echter Draufgänger, wie es sie heute nur noch in der Zigarettenreklame gibt. Kein Ritt war ihm zu weit, um eine Partie Bridge zu spielen, kein Weg zu lang, um ein spannendes Rugbyspiel zu erleben. Oxford-Absolvent, glückloser Diamantenschürfer, ausgezeichneter Kämpfer im Burenkrieg, entdeckte er Anfang des 20. Jahrhunderts im Herzen Lesothos das Tal von Malealea - und verliebte sich sofort in diesen Ort.

Smith gründete eine Handelsstation und entfaltete ein ausschweifendes Leben mit Sport, Spiel, Festen und Großwildjagd, nur unterbrochen von einem kurzen Abstecher nach Europa, wo er am ersten Weltkrieg teilnahm. In seiner luxuriösen Lodge wich ihm ein Gepard als Haustier nicht von der Seite. Smith war es auch, der inmitten des völlig baumlosen Tals einen Eichenwald anlegte, in dessen Schatten man heute noch spazieren gehen kann. Hunderte von Vögeln schätzen diesen einzigen Wald der Region als Refugium. In den frühen Morgenstunden weckt uns daher auch das Gurren Hunderter wilder Tauben. Kein Windhauch ist zu spüren, im Gegenlicht der Sonne zeichnet sich aufsteigender Rauch von den Hütten der Dörfer ab. Der ländliche Chor Lesothos erklingt: Rufe von den Feldern, Gesang, Kindergeschrei, das Muhen der Kühe.

Nach dem Frühstück holt uns Ezequiel ab, unser Führer für den Tag. Er hält unsere Ponys am Zaum, die alle etwas müde und klapprig wirken, deren Vorzüge aber weit gerühmt werden: Äußerst trittsicher sollen sie sein, gutmütig und friedlich. Lange Zeit stellten Ponys das einzige Fortbewegungsmittel in Lesotho dar, heute sind sie zudem eine bedeutende Touristenattraktion des Landes. Man sagt, daß eine Mischung des Blutes javanischer Pferde und wilder Araberhengste in ihren Adern fließt. Die angebliche Gutmütigkeit erweist sich jedoch als unüberwindliche Trägheit, die Trittsicherheit äußert sich in vorsichtigem Tasten vor jedem Schritt, von arabischem Temperament keine Spur.

Alle halbe Stunde hält der fünfzehnjährige Ezequiel bei einem Schafhirten oder Ziegenjungen zum Plausch und lässt sich mit männlicher Geste Feuer für eine Zigarette geben. Über steile Felsen tasten sich die Ponys herab zu einem kleinen Fluss, an dessen Ufer eine Handvoll Rundhütten steht. Von überall rennen die Kinder des Ortes zusammen, in der Hoffnung auf "some sweets". Ezequiel führt uns einen Tag lang durch die Ausläufer der Maluti-Berge, vorbei am Botsoela-Wasserfall, zu Felsmalereien und durch unzählige Dörfer. "Land ohne Zäune" wird Lesotho genannt, und man sagt, dass die Ponys die eigentlichen Könige des Landes seien, denn auf dem Land stellt das Auto noch keine Konkurrenz für sie dar.

Auf unserem Rückweg am späten Nachmittag erreichen wir Malealea im Licht der untergehenden Sonne. Die schroffen abweisenden Berge haben sich tiefrot verfärbt, eine bedrohlich schwarze Wolkenbank hängt wie festgewachsen über den Gipfeln. Hügel mit fetter satter Erde wellen sich bis zu den Bergen, dazwischen schlängelt sich ein Schotterweg zum nächsten Dorf. Die zusammenlaufenden Linien der frischgepflügten Felder werden nur von riesigen Agaven unterbrochen . Auf den Äckern aus schwarzer, roter, brauner, ockerfarbener Erde sind Feldarbeiter wie emsige Ameisen beschäftigt, treiben Ochsengespanne mit dem Pflug voran; dazwischen beaufsichtigen weißgekleidete Hüter das Vieh. In kleinen Gruppen strömen die ersten Männer und Frauen von der Feldarbeit zurück zu den wartenden Sammeltaxis und Bussen. Alle rufen uns einen Gruß oder ein paar Worte Englisch zu. Einige der freundlichen Worte werden wir auf dem Rückweg nach Südafrika mitnehmen - unser Zöllner wartet auf einen Gruß aus Malealea.

© Oliver Gerhard

Links zu Lesotho:

Reisebericht: Über den Sani-Pass ins höchstgelegene Pub Afrikas
Fotos aus Lesotho