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| Ruinenromantik
und indianische Zeremonien
Die mexikanische Geisterstadt "Real de Catorze" Kleine, windschiefe Häuser in einer staubigen Straße, menschenleere Veranden, das Schlagen eines Fensters im Wind - von unzähligen Filmen wurde so das Klischee einer "Ghost Town" im amerikanischen Westen geprägt. Doch auch in Mexiko entdeckt man die wilde Romantik von Geisterstädten, die nach Beendigung des durch die spanischen Kolonisatoren ausgelösten Silberbooms verlassen wurden. Die bekannteste von ihnen ist "El Real de Minas de Nuestra Señora de la Limpia Concepción de Guadalupe de los Alamos de Catorze", oder schlicht "Real de Catorze". Nur eine holprige, von riesigen Kakteen gesäumte Kopfsteinpflasterstraße führt von der Hauptstraße in die karge, ocker und weiß getünchte Berglandschaft im Norden Mexikos, in der sich in knapp 3.000 Meter Höhe die Ruinenstadt an die Felsen schmiegt. Kurz vor der Ankunft zwängt sich die Straße noch durch den wie ein Minenstollen gehöhlten Tunnel von Ogarrio, hinter dem schon eine Horde von trittbretterfahrenen Kindern darauf wartet, auf die ankommenden Fahrzeuge aufzuspringen, um die Besucher für ein paar Pesos in ein Hotel führen zu dürfen.
Der erste Eindruck in der belebten, von Marktständen und kleinen Geschäften gesäumten Hauptstraße könnte derselbe sein wie zur Blütezeit der Stadt, als man hier über 40.000 Einwohner zählte. Als eine der einst ertragreichsten Minenstädte, in der man anfangs das Silber in Säcken aus manchen Stollen tragen konnte, verfügte Real de Catorze gegen Ende des 19. Jahrhunderts über die fortschrittlichste Minentechnik des Landes. Die Silberbarone bauten sich luxuriöse Häuser, gepflasterte Straßen und eine Stier- und eine Hahnenkampfarena. Der heutige Eindruck einer kleinen lebhaften Provinzstadt täuscht jedoch, denn nach 1905 ging die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre auf 700 zurück, nachdem der Minenbetrieb von den Besitzern vernachlässigt wurde und die sozialen Spannungen zunahmen. Die große Masse der Minenarbeiter wurde damals in Schuldknechtschaft gehalten. Ohne jegliche Schutzmaßnahmen verrichtete ein Heer von Tagelöhnern Sklavenarbeit. In einem kleinen Heimatmuseum kann man anhand zahlreicher Photos und Utensilien der Minenarbeiter das harte Leben nachempfinden. In der alten Kirche San Francisco hängen heute noch Hunderte uralter Bittschriften und Danksagungen aus mehreren Epochen, in denen die Menschen ihren Gefühlen Ausdruck gaben. Dieser Kirche ist es zu verdanken, dass die Stadt niemals ganz ausstarb, zog sie doch seit jeher Scharen von Wallfahrern an. Die Pilger ernährten die standhaften letzten Bewohner der Stadt, die nebenbei weiter nach Silber suchten.
Die reichverzierten Häuser der Minenbesitzer verloren im Laufe der Jahrzehnte ihren üppigen Glanz, der Besucher erfreut sich nun am morbiden Charme abbröckelnden Stucks und verwitternder Azulejos. Der Nopal, Kaktus mit stachelbewehrten, fleischigen Blättern, auf der Flagge verewigte Nationalpflanze Mexikos, hat sich der Häuser bemächtigt und wuchert auf den eingefallenen Dächern. Der Wind fegt ungestört durch schwarz klaffende Fensterlöcher; zwischen den Pflastersteinen haben sich Kräuter ihren Weg gegraben; vereinzelt zeigt eine buntgestrichene Tür an, dass hier noch gewohnt wird. Aus den Gebäudetrümmern ragen zuweilen noch Torbögen oder die Gewölbebalken einer einstigen Empfangshalle, dazwischen die meterhohen Blütenstände von Agaven. Nur selten betritt ein Fuß die labyrinthartigen, überwachsenen Gassen oder die kleine steinerne Brücke zur alten Mine, in deren Mitte ein Schrein mit der Madonna den Vorübergehenden beschützt. Verwaist ist auch der versteckt liegende Palenque, die Hahnenkampfarena, ein Miniatur-Kolosseum. An den verbliebenen Häuserwänden kleben noch Fetzen von Wahlplakaten mit Gesichtern, die man heute vergeblich in den Geschichtsbüchern suchen wird. Zuweilen trabt ein stolzer Reiter auf seinem Pferd durch den Ort, oder ein weniger stolzer auf seinem Esel.
Als erste Touristen kamen vor Jahren Intellektuelle und Künstler aus der Hauptstadt hierher, um an indianischen Peyote-Zeremonien teilzunehmen und einen durch diesen Kaktus mit halluzinogener Wirkung verursachten Rausch zu erleben. Alljährlich im Winter nämlich pilgern aus über 500 km Entfernung Indios vom Volk der Huichol nach Wirikúta, wie sie die Stadt nennen, um in den umliegenden Bergen den Peyote zu ernten. Jeder einzelne Stamm ist dabei mit einer Gesandtschaft vertreten. Gekaut führt der Kaktus die Huichol in einen angenehmen Trancezustand, unter dessen Wirkung sich die Wüste in einen blühenden Garten verwandelt. "Hier gibt es nur Blumen", singen sie, "schöne Blumen, mit leuchtenden Farben, so schön, so schön.." Weiße Probanden berichten auch von weniger angenehmen Gefühlen bei der Zeremonie, von Ekel, Kopfschmerzen und Angst, die dann jedoch von Halluzinationen abgelöst werden, verbunden mit Euphorie, mit leuchtenden Farbvisionen und dem Verlust des Raum- und Zeitgefühls. Danach kommt der Zusammenbruch, das Gefühl der Leere, die große Depression nach dem Hochgefühl.
Heute ist die Geisterstadt dabei, vollends aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen und entwickelt sich von einem Geheimtipp unter Rucksackreisenden zum vielbesuchten Touristenziel. Schon werden die wenigen Hotelzimmer am Wochenende knapp, in den karg eingerichteten Cantinas (Trinkhallen) und Restaurants treffen sich mexikanische und ausländische Touristen zur improvisierten Fiesta. Schon gibt es auch das erste Vollwert-Restaurant europäischer Aussteiger, kleine Behausungen US-amerikanischer Zivilisationsflüchtlinge und ein hässliches Betonhotel am schönsten Aussichtspunkt über die umliegenden Täler. Unter der Woche jedoch lässt sich noch die unvergleichliche Stimmung einer fast ausgestorbenen Stadt erleben, zum Beispiel am frühen Morgen auf dem Gipfel hinter dem Ort, wenn sich aus dem Tal der Frühnebel in kleinen Fetzen über eine Hügelkuppe zwischen die Ruinen schiebt, um wenig später von der Sonne aufgelöst zu werden. Man braucht dann keinen Trancezustand, um den Huichol zuzustimmen, wenn sie sagen "und hier in Wirikúta ist alles so grün, so grün." © Oliver Gerhard Links zu Mexiko: Fotos-Highlights |