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Hexen, Heiler, Hokuspokus

Auf dem Hexenmarkt von Mexico City

Wer schon immer einmal eine Vogelspinne als Maskottchen tragen, vom "Salz der sieben Meere" kosten oder Glück in Tüten kaufen wollte, der wird auf dem "Mercado de Sonora" fündig, dem Markt der Hexen und Heiler in der mexikanischen Hauptstadt.

Der Weg mit der U-Bahn ist mit geschlossenen Augen zu finden: An der Station "Merced" strömt ein würziger Geruch nach Zwiebeln und Knoblauch ins Abteil, denn hier befindet sich neben dem Sonoramarkt auch "La Merced", der größte Lebensmittelmarkt Mexikos, wenn nicht Zentralamerikas. Der Patient, Glückssucher, Esoterikfan kann aus der Metro direkt in die riesige Markthalle gelangen, und wird gleich zum Gourmet, denn es erwarten ihn Berge aus verführerischem exotischem Obst, Gefäße bis an den Rand gefüllt mit Gewürzen, Säcke mit getrockneten Shrimps und Heuschrecken, mit Pilzen und gedörrten Früchten, Tortillas in allen Farben des Maises, riesige Platten mit klebrigen Süßigkeiten, Türme aus Mais- und Bananenblättern, die später gefüllt zu "Tamales" werden, dem Frühstück des kleinen Mannes.

Hunderte konkurrierender Markthändler bitten um die Gunst des Marktbesuchers auf seiner Reise durch die Farben und Gerüche. Scharen fliegender Händler erschweren zusätzlich das Durchkommen in den dunklen Gängen. Kleine, ins Marktgeschehen integrierte Restaurants laden zum Verweilen ein mit ihren brodelnden Töpfen, aus denen zuweilen ein Hühnerbein ragt, den bunten Soßen in irdenen Schalen und den "Tacos al Pastor", kleinen Tortillas mit einer Füllung aus über offener Flamme geröstetem Fleisch. Gleich daneben kann der brennende Gaumen mit einem frischen Saft aus Orangen, Papayas oder Guayabas wieder gelöscht werden.

Der Kunde des Sonoramarktes sucht jedoch keine Gaumenfreuden, sondern Reinigung von Körper und Seele, und strebt daher schnell dem verwinkelten dunklen Labyrinth von Sonora zu, in dem - welch paradoxe Mischung - Tiere, Heilkräuter, Hexerei und Plastikspielzeug zum Verkauf stehen. Vorbei an den ausgesuchten Hässlichkeiten billiger Spielwaren, steht man vor den aufgetürmten Käfigen und Verschlägen der Tierhändler, welche so manchen ausländischen Besucher mit deftigen Scherzen empfangen. Nach wenigen Minuten sind die Geruchsnerven vom scharfen Geruch der Tierexkremente wie betäubt, die Ohren hallen wieder vom Gezwitscher Hunderter von Vögeln und dem Gebell und Gejaule der Hunde.

Auf engstem Raum zusammengepfercht warten hier unzählige Tiere auf einen Käufer, um gleich darauf von einer neuen Kreatur abgelöst zu werden. In dieser Hölle für Tiere ist jedes Lebewesen zu haben, das in Mexiko noch in freier Wildbahn zu finden ist. Neben gewöhnlichen Haustieren, die förmlich in ihren Drahtgestellen gestapelt sind, werden viele "Raritäten" im wahrsten Sinne des Wortes angeboten. Nicht wenige der Tiere stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten, wie der buntschillernde, mitgenommen aussehende Tukan, der noch in den letzten Urwäldern Mexikos zu finden ist. Einst stolze Greifvögel sitzen in Käfigen, in denen sie mit eingezogenem Kopf gerade so Platz finden. Ein kleiner Affe versucht sich erschreckt vor den neugierigen Blicken der vorbeiströmenden Menschenmenge zu verstecken. Ein junges Krokodil ist noch zu haben, eine halbtote, von Kisten eingemauerte Riesenschildkröte, Klapperschlangen lebend, getrocknet oder als Pulver, Kröten, Leguane, Vogelspinnen. Ein Hund, eine Katze und ein Gürteltier müssen sich einen Käfig teilen - noch haben sich nicht zerfleischt.

Ein von Kerzen beleuchteter Schrein mit Heiligenfiguren, denen statt Tränen Blut aus den Augen läuft, markiert den Übergang zum interessantesten Teil des Marktes, in dem die Utensilien für Heilung und Hexerei angeboten werden. Keiner geht hier vorüber, ohne sich zu bekreuzigen, angeblökt von der Ziege, die direkt daneben festgebunden ist. Der beißende Gestank des Tiermarktes weicht jetzt den Gerüchen von Heilkräutern, Weihrauch und brennenden Kerzen. Endlich am Ziel, wird der Besucher von den Lockrufen der Händler umschwirrt: "Qué buscas, guero (Was suchst du, weißer Mann)", "wir haben alles, was du brauchst, bonita (schöne Frau)", "preguntale! (fragen Sie!)". Die Hemmungen vor peinlichen Fragen abzubauen, ist das Ziel der Händler, denn keiner fragt ohne Scheu nach einem Mittel, seine Xanthippe in den Griff zu bekommen oder der Tochter den Teufel auszutreiben, oder nach einer aphrodisierenden Mixtur.

Jeder Marktstand für sich gleicht einem "Supermarkt" der Zaubermittel und Kultgegenstände, bis an die Decke türmen sich Lösungen für jeden Lebensfall, Medikamente für jede bekannte Krankheit, Zauberpulver für jede Hexerei, Insignien aller Religionen dieser Welt. Heiligenfiguren stehen neben Schrumpfköpfen, leidlich getrocknete Tierhäute hängen neben Totenschädeln, alte Indianermasken verdecken die laufende Gameshow im unverzichtbaren Fernsehapparat; hier prallen Welten und Jahrhunderte aufeinander.

An der Decke aufgehängte Bündel von Heilkräutern streifen das Gesicht des Passanten, die Augen schwelgen in den Farben wie die Nase in den Gerüchen, die den Säcken mit Teemischungen aus Blättern, Wurzeln und Rinden entströmen. Hier und da springen Kolibris ins Auge, ausgestopft und wie Käfer aufgespießt, verwendet zum Schutz von Heim und Familie, als Glücksbringer im Auto und am Arbeitsplatz. Daneben gibt es Pulver für alle Lebenslagen, nach dem Duschen auf den Körper zu reiben: Eines für die ungehorsame Frau, eines für den nicht zu erweichenden Geliebten, eines zum Anziehen von Reichtum, eines gegen die böse Schwiegermutter. Einfacher ist die Anwendung von Sprays, die, gleichsam als "modernes Amulett" aufgetragen, Böses fernhalten oder als "Exorzistenspray" zuverlässig den Teufel austreiben.

Auf die Frage nach einer verläßlichen "bruja" (Hexe) verweisen die Markthändler immer wieder auf die sogenannte "Morenita", die im belebtesten Teil des Marktes hinter einem kleinen Stand die "limpia", eine Reinigung von Körper und Seele, durchführt. Zum Preis von umgerechnet acht Mark kann man sich von allem anhaftenden Bösen befreien lassen - ein echtes Schnäppchen. Die Patienten im "Wartezimmer" unter einem Baldachin aus herabhängenden Heilkräutern stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten; der Gang zur "limpia" ist nichts, dessen man sich schämen müßte. Einem jungen Mann wurde die "Morenita" bei einem Aufenthalt auf Kuba empfohlen, seitdem kommt er wöchentlich. Ab jenem Zeitpunkt, so berichtet er, war seine Pechsträhne zuende, es ging geschäftlich aufwärts, und er blieb permanent vor "schlechten Freunden" geschützt, wozu auch die vier nie abzulegenden Amulette beitragen, die er nach den Anweisungen der "bruja" ausgewählt hat. Während seiner begeisterten Schilderung steigt aus dem kleinen Behandlungsraum, der vom Marktgeschehen nur durch eine mannshohe Mauer abgetrennt ist, Qualm auf, Fetzen von Gebeten dringen heraus.

Der eintretende Patient stellt sich aufrecht gegen die Wand, und wortlos beginnt die kleine unscheinbare Frau in der Kittelschürze ihn mit einem der Wundersprays einzusprühen. Die Reinigung beginnt mit einem rohen Gänseei, mit dem der Patient energisch bestrichen und beklopft wird. Die Hexe verfällt in ein Gemurmel aus christlichen Gebeten und geheimnisvollen Formeln, die das Böse vertreiben, Kraft und Mut geben und den Körper schützen sollen. Systematisch und mit wechselnden Utensilien wird das Übel aus dem Körper herausgestrichen und -geklopft. Die Behandlung gipfelt, nachdem der Patient mit einer dicken, noch lebenden Kröte von allen Seiten bestrichen wurde, in einer Stichflamme, die zu seinen Füßen förmlich aus dem Boden schießt. Zum Abschluss gibt es noch Handlungsanweisungen, die zur Lösung seines individuellen Problems zu Hause auszuführen sind, z.B. durch das Abbrennen geweihter Kerzen neben dem Bett, dem Verbrennen von Steinen, die das Problem des Patienten vorher aufgesaugt haben oder der Spezialbehandlung mit einer Rose bei Liebeskummer.

Neben der "limpia" managt die Hexe noch den Handel mit Heilkräutern und Amuletten, empfängt Geld und läßt das gesamte Patriarchat ihrer Familie - für Mexiko ungewöhnlich - nach ihrer Pfeife tanzen.

Wer den Mercado de Sonora besucht, taucht in eine andere Welt ein, eine Welt der Magie und Gläubigkeit. Selbst mancher Mexikaner, der hier zum ersten Mal eintritt, ist überwältigt von der Begegnung mit einem wichtigen Teil der eigenen Kultur und Vergangenheit. Die Existenz eines solchen mystischen, auf jahrhundertealten Traditionen gegründeten Ortes in einer modernen Stadt wie Mexico City liegt in der Neigung der Mexikaner zu Metaphysik, Spiritualität und Religiosität begründet. In großen Teilen der Bevölkerung herrscht eine Mischung aus katholischem Glauben, verkörpert im Marienkult, aus Elementen der alten indianischen Religionen, aus Aberglaube und neuen esoterischen Ideen.

© Oliver Gerhard

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