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Schädel, Särge, Sensenmänner

Das mexikanische Totenfest in Pátzcuaro

Jedes Jahr Ende Oktober, kurz bevor sich die Toten mit ihren Angehörigen auf dem Friedhof zum Nachtmahl treffen, erwacht Pátzcuaro, eine kleine malerische Stadt westlich von Mexico City, aus ihrem Dornröschenschlaf. Wenige Tage vor dem "Dia de los Muertos", dem mexikanischen Allerheiligenfest, strömen die Indios aus den umliegenden Dörfern nach Pátzcuaro, um ihre Marktstände aufzubauen.

Es ist früher morgen, die kalte klare Luft schmeckt nach Wäldern, verbranntem Holz und frischen Tortillas. Über verlassene Kopfsteinpflasterstraßen stoßen wir auf die arkadengesäumte Plaza Quiroga, wo uns der Tod erwartet, hundertfach dargestellt in Holz, Ton und Keramik. Jedes Dorf präsentiert sich mit einer anderen Tradition des Töpferns und Glasierens. Mit neuen originellen Ideen soll die Gunst der Käufer errungen werden, zum Beispiel durch die Herstellung von kleinen Särgen, aus denen beim Öffnen ein Skelett herausspringt, oder von Szenen aus Ton mit kleinen Sensenmännern im Aerobic-Center und am Billardtisch.

Besonders umlagert sind die Stände, an denen kleine Schädel aus Marzipan, Zuckerguss und Schokolade verkauft werden. Mit ihnen schmückt man die Hausaltäre oder lässt den Namen eines noch lebenden Freundes oder Verwandten darauf schreiben, um sie diesem zu verehren - als Glücksbringer.

Neben den Ständen mit Kunstgewerbe baden Händler in einem Meer von orangefarbenen und blutroten "Cempasuchil"-Blumen, die schon bei den Azteken als Totenblumen galten. Sie werden ausschließlich zum Schmuck der Gräber und Häuser beim Totenfest angebaut. Die frischen Farben und der angenehme Duft lassen jedoch keinen Gedanken an den Tod aufkommen, schon der Verkauf gleicht einem Fest. Bald treiben kleine bunte Blumeninseln durch Pátzcuaro, als Bündel auf dem Rücken getragen oder hoch auf einen Karren getürmt. Zwischen den Blütenhügeln wird gehandelt, die vielköpfige Kinderschar der Händler tollt umher, auf einem kleinen Holzkohlengrill werden gefüllte Tortillas oder würzige Süppchen warmgemacht.

Auf einer festlich geschmückten Bühne hat eine Truppe von Puppenspielern viele kleine und große Kinder um sich versammelt, dazwischen haben sich ein paar "Charros" (mexikanische Cowboys) mit Schnurrbart à la Zapata und sporenbewehrten Schlangenlederstiefeln eingeschlichen; vor lauter Neugier scheint jedes Machogehabe von ihnen abgefallen zu sein. Kinder mit schaurig bemalten Gesichtern und ausgehöhlten Halloween-Kürbissen im Arm sammeln Geld von den Touristen - die mexikanische Variante der amerikanischen Süßigkeitenjäger. Die Methode scheint erfolgreich und zieht deshalb Konkurrenz an. Schon nach einigen Stunden scheint die gesamte Stadtjugend unterwegs zu sein, die Kürbisfelder müssen leer sein.

Aus der Ferne ist eine wehmütige, schaurige Musik zu hören. Angekündigt durch zwei riesige, auf Stangen getragene Totenfiguren zieht eine Kapelle von Sensenmännern und -frauen durch das Menschengetümmel. Sie blasen einen eintönigen Marsch und grinsen frech aus ihren Totenmasken. Der Mexikaner macht sich lustig über den Tod, oder, wie der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schreibt, "er sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte." 

Je näher der Feiertag rückt, desto mehr füllt sich die Stadt mit Besuchern, die sich durch das Gedrängel auf den Plätzen und Märkten schieben oder in Straßencafés dem Rummel zu entgehen suchen. Jedes freie Bett ist schon seit Wochen reserviert; Neuankömmlinge sind beglückt, wenn ihnen ein freundlicher Hausbesitzer für einen Wucherpreis noch eine Liege aufstellt.

Der Geräuschpegel auf der Plaza Quiroga hat sein Maximum erreicht: Die Händler von kopierten Musikkassetten versuchen sich gegenseitig mit einem Potpourri ihres Angebots zu übertönen, Gruppen mit traditioneller Musik spielen vor den Cafés, aus den aufgemotzten Sportjeeps der angereisten jugendlichen Flegel der hauptstädtischen Oberschicht dringt laute Rockmusik, kleine Bengel treten an geparkte Autos, um die Alarmanlagen auszulösen.

Überall wird gesungen, getanzt, Theater gespielt. Im Kunsthandwerks-Museum führen kleine Jungs, mit Masken und langen Bärten als alte Männer verkleidet, die "Danza de los Viejitos" auf. Mit klappernden Holzsandalen drehen sie sich wild im Kreis. In einem Schulhof üben Mädchen in blauen Schuluniformen und mit weißen Schleifchen im Haar sanfte Lieder; die schrägen Töne bringen den Lehrer fast zur Verzweiflung.

Bei dem Versuch, dem Gedrängel eine Zeitlang zu entgehen, verirren wir uns in den verwinkelten Gassen von Pátzcuro. Die Häuser tragen alle den gleichen weißen Anstrich mit einer roten Umrandung von Fenstern und Türen. Abseits des Festes geht das tägliche Leben seinen ganz normalen Gang. Aus den Höfen dringt das Lachen von Kindern und das Klatschen der Frauenhände beim Kneten der Tortillas.

Mit Bohnen und frischen Maisfladen gestärkt, besteigen wir das gemütliche Fährboot zur Insel Janitzio, die inmitten des Pátzcuaro-Sees liegt. Die Insel und der See sind berühmt für die Fischer, die mit riesigen Wurfnetzen in Schmetterlingsform Jagd auf Weißfische machen. Auf Janitzio kann man an jeder Straßenecke von einem Holzkohlengrill von ihrem Fang kosten. Die Hügelkuppe in der Mitte der Insel wird durch ein riesiges Denkmal für José Maria Morelos verunstaltet, einen Helden des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes. Der kleine Friedhof von Janitzio wirkt mit seinen wenigen Grabsteinen heute noch unscheinbar; in der Nacht zu Allerheiligen wird er zu einem Zentrum des Gedenkens an die Toten - und zu einem Lieblingsmotiv für Photographen.

Auch in dem kleinen friedlichen Ort Tzintzuntzán herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm. Vor der Kulisse der hoch auf dem Hügel gelegenen Pyramiden ihrer Vorfahren beginnen Indios vom Volk der Purhépecha damit, auf dem weitläufigen Friedhof des Ortes die Gräber zu säubern und mit Blumen zu bedecken. Die Familien wetteifern in der Errichtung reichgeschmückter, mit Blumen und Totenschädeln verzierter Altäre in ihren Höfen, wo die "Ofrendas", Essensgaben und Getränke für die Toten, ausgelegt werden. Am Tag vor Allerheiligen nämlich besuchen die Toten ihre Angehörigen zu Hause und speisen von den Ofrendas, begnügen sich dabei aber mit dem Aroma der Speisen. Den Weg "nach Hause" finden sie mittels der zwischen Friedhof und Häusern ausgelegten Totenblumen. In der Nacht zu Allerheiligen erwidern die Angehörigen den Besuch auf dem Friedhof, wo sie mit den Toten die Nacht verbringen und speisen.

Um Mitternacht herrscht eine schwer zu beschreibende Stimmung auf dem Friedhof: Das Licht Tausender von Kerzen zieht sich den Hügel hinauf und taucht ihn in ein angenehm schimmerndes Licht. Gleich am Eingang des Friedhofs erstrahlt ein hellerleuchteter Altar zum Gedenken an Lázaro Cárdenas, den legendären Präsidenten der Dreißiger Jahre, der von den Einheimischen immer noch verehrt wird, da er seit der mexikanischen Revolution der einzige Präsident war, der sich für sie und ihre Landforderungen eingesetzt hat.

Einige der Gräber sind überreich geschmückt mit Blumen, Kränzen und den Ofrendas, die Angehörigen sitzen hier in einem Lichtermeer, während nebenan, an einem nur mit wenigen Blüten bestreuten Grabhügel, die Trauernden oder Feiernden tief versunken und in warme Decken gehüllt kaum aus ihrer kleinen Insel aus Licht ragen.

Wie Nebel ziehen die Rauchschwaden von unzähligen Lagerfeuern über den Platz, der scharfe Qualm von Holz und Weihrauch treibt den Schaulustigen Tränen in die Augen. Manche der Grabstätten sind Orte der Trauer mit wenigen Angehörigen, vor anderen lagern ganze Familien mit Kind und Kegel, sind fröhlich, essen und trinken. Die Familien besuchen sich gegenseitig an den Gräbern, teilen die von den Toten ihres Aromas beraubten Speisen und das speziell für das Fest gebackene süße Totenbrot.

Den meisten Touristen sind starke Emotionen angesichts dieses traditionellen Festes anzumerken; die heutigen Begleiterscheinungen des Totentages übertönen jedoch laut den ursprünglichen Charakter. Laute Hard-Rock-Musik wummert aus einzelnen, am Rande des Friedhofs abgestellten Autos, auf den Dächern tanzen betrunkene Jugendliche, Schnapsflaschen kreisen trotz der Bitte der Behörden, keinen Alkohol mitzubringen. Ein Fernsehteam trampelt achtlos über Grabhügel hinweg, wirft grelles Scheinwerferlicht auf in sich zusammengekauerte Trauernde, Photographen dringen mit ihren Blitzgeräten in trautes Familienbeisammensein und schießen Porträts von greisen Charakterköpfen. Hunderte von Touristen strömen über den Friedhof und lassen sich vor andächtigen Indios und Gräbern im Gruppenphoto ablichten.

Mit scharfen Worten greift der Schriftsteller Carlos Monsiváis die photographierenden Touristen an: "Scharf auf einen guten Ausschnitt und die richtige Bildkomposition, mit der Gier jener, die sich mit Hilfe eines Verschlußmechanismus die ganze Welt untertan machen, werfen sie sich auf die Bräuche und umschwirren in kleinen Gruppen die Zeremonien."

Das Totenfest läßt sich jedoch auch noch anders erleben als in Pátzcuaro, denn auf jedem anderen Dorffriedhof geht es beschaulicher zu und auch in manchen Teilen der Hauptstadt läßt sich der traditionelle Charakter des Festes noch erleben, ohne daß Monsiváis Recht haben muß, wenn er schreibt: "Mexiko hat seinen Totenkult verkauft, und die Touristen grinsen zufrieden. Sie sind anthropologisch satt geworden."

© Oliver Gerhard

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